Wir sind die Mitte!
Den Bürgerverein Mitte hatte ich ja bisher als eher philanthropische Vereinigung älterer Sozialdemokrat_innen wahrgenommen, die durchaus großzügig allerlei Projekte unterstützen. Das sie sich zur Sperrspitze des Kampfes gegen die Lärmbelästigung und den jugendlichen Alkoholkonsum aufgeschwungen haben, hat meine Sympathie sicherlich getrübt, bisher bin ich aber davon ausgegangen, dass sie die üblichen drei Argumentationslinien fahren, die ich bereits behandelt habe. Nachdem ich nun allerdings mal ihren Antrag an den OB Starke gelesen haben, kommt mir durchaus der Verdacht auf, dass sie ihren Namen gemäß, auf die oberen Fähigkeiten des menschlichen Körpers gerne mal verzichten.
Denn was darf ich da so in ihrem Antrag lesen, denn sie stolz auf ihrer Homepage veröffentlicht haben:
Satzungsgemäß setzen wir uns für die Belange der Inselbewohner ein. Wir haben daher sowohl in den angrenzenden Kommunen als auch im Innen- und Umweltministerium der Stadt München recherchiert. Auch auf Grund einer Abfrage einiger gastronomischer Betriebe des Inselgebiets wird die derzeitige Sperrzeit variabel gestaltet, d.h. derzeit wochentags ab spätestens 2.00 Uhr, sogar an den Wochenenden konnten wir in „einschlägigen“ Lokalitäten niemanden finden, der die Sperrzeit bis 5.00 Uhr morgens „ausreizt“.
Im Klartext: Da niemand in dem betroffenen „Krisengebiet“ die bis um 5h früh Regelung ausnutzt soll sie reduziert werden. Und zwar genau auf die Zeit, an die sich die entsprechenden Lokalitäten bereits jetzt halten. Denn wenn das Lärmproblem in der Innenstadt durch Bars und Clubs verursacht werden die spätestens um 2h zu machen, lässt sich dieses in Zukunft nur dadurch lösen, wenn diese nur noch bis um 2h bzw. am Wochenende um 3h aufhaben dürfen, comprende? Dumm nur, dass eine solche Regelung wohl vor allem ab 18 Clubs wie den abgedichteten Morph Club treffen wird, der diese Zeit ausnutzt, aber gar nicht im „Krisengebiet“ liegt. Aber Kollateralschäden gibt es bei einer Krisenlösung naturgemäß immer.
Schön ist auch ein andere Vorschlag:
Da sich die Beschwerden der Bürgerinnen und Bürger auch zunehmend auf die Vielzahl, Dauer und Lärmbelästigung der „Events“ im Bereich der Innenstadt richten, beantragen wir zu überprüfen, welche „Events“ von der Stadtmitte in andere Stadtteile verlegt werden können und ob es möglich ist, die Anzahl bzw. die Dauer der Events zu reduzieren. Dieser Antrag entspricht auch der Beschlusslage des Masterplans Innenstadt. Dabei liegt es uns jedoch fern, die „Lärmproblematik“ der Innenstadt auf andere Stadtteile zu verlagern, sondern wir denken ganz konkret an die Möglichkeit, z.B. das vorhandene Volksparkstadium für „Sportevents“ zu nutzen.
(Ebd.)
Denn das Problem, ist wirklich ernst:
Ich bin seit jeher mit Stolz seit über 35 Jahren Wahl-Bambergerin, habe immer gerne hier gelebt, auch in Innenstadt-Nähe. Heute allerdings habe ich den Entschluss gefasst, entweder aufs Land oder doch zumindest an den Stadtrand zu ziehen. Zusätzlich zu den in meiner Strasse durchwandernden Nachteulen, einem zermürbendem Monat mit Public Viewing durch die WM, bzw. die Basketballspiele (und ich liebe Basketball) durfte ich heute als Höhepunkt über 9 ! Stunden Dauerbeschallung „Rock for School“ im Hof des FLG geniessen (und einige Bandswaren richtig schlecht).
(S.11 Inselrundschau August 2010)
Ergo: Fischerstechen, Weltkulturerbelauf und Publicviewing ab sofort in den Volkspark. Andere innenstäditische Sportevents fallen mir leider gerade eben nicht ein. Aber es geht ja nicht nur darum.
Schließlich nerven auch Events ohne Sportbezug. Zum Beispiel das Jazzfest am Maxplatz, dass arglose Passant_innen in der Innenstadt mit schlechter Musik quält. Bamberg zaubert, in denen Vagabunden aus ganz Europa die Innenstadt Bewohner_innen mit Messern und Feuer bedrohen oder der Bamberger Antiqmarkt, in dem jedes Jahr am Tag der Einheit der Bürgerverein Mitte mit seinem Riesentrödelmarkt aus einem Tag der Besinnung auf die deutsche „Revolution“, ein riesen Kommerzfest veranstaltet in dem einem uralter Trödel und DDR Nostalgie zu Wucherpreisen angedreht werden sollen.
Daher plädiere ich zur Unterstützung des BV Mitte, „den schönsten Antikmarkt“ Deutschlands in das „größte zusammenhängende Gewerbegebiet Bayerns“ zu verlegen. Da gehört er nicht nur Sinngemäß hin, auch stört er keine Anwohner_innen. Denn da lebt zum Glück niemand. Auch die anderen Großevents sollen doch gefälligst in Stadtteile abgeschoben werden, für die der Bürgerverein Mitte nicht zuständig ist. Wie Wunderburg oder Bamberg Ost. Die haben schließlich eigene, die nach Betätigung schreien nach dem das Supermarkt Problem gelöst ist. Ein Jazzfest am Troppauplatz ist schließlich auch nicht zu verachten, klagt doch die SPD Bamberg Ost schon länger über eine strukturelle Vernachlässigung des bevölkerungsreichsten Stadtteils Bambergs, dem unproportionaler Weise bisher die großen Events verwehrt blieben.
Wobei sich auch insgesamt die Frage stellt, ob es das Weltkulturerbe Bambergs und die Stadt „mit der höchsten Brauereidichte“ der Welt nötig hat, mit Massenorgien wie der Sandkerwa die Bewohner_innen in der Inselstadt zu terrorisieren und auch noch die Jugendlichen zu verführen. Denn wie schrieb schon entsetzt der Bayerische Rundfunk:
Zu den wichtigsten Anziehungspunkten der Sandkerwa gehören die vielen Bierstände, an denen Bier aus Bamberg und Umgebung ausgeschenkt wird. Kaum ein freier Fleck, an dem nicht eine der zahlreichen Privatbrauereien ihren Gerstensaft anbietet[..]
Immerhin aber, hat sich dort die Sperrstunde bewährt. Das sieht so auch das Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen .
Die Wiedereinführung einer Sperrstunde soll dabei helfen, die zunehmenden Fälle von Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen, die steigende Anzahl von Unfällen, Schlägereien, Ruhestörungen etc., zu bekämpfen. […] (Auch) finden fast die Hälfte aller Verkehrsunfälle unter Alkoholeinflusszwischen 22 und 5 Uhr statt.
Und deswegen konnte die Polizei letztes Jahr auch stolz verkünden, dass sie durch die Sperrstunde:
keine Alkoholexzesse registriert (hat), niemand musste in die Ausnüchterungszelle, so Storath weiter. Insgesamt sei die 60. Sandkerwa friedlich verlaufen. Abgesehen von einigen Fällen von leichter Körperverletzung hatte die Polizei mit den Festbesuchern keine Schwierigkeiten. Allerdings wurden heuer mehr Betrunkene am Steuer ihres Wagens erwischt.
Deswegen: wenn schon anwohner_innenfeindliche Events in Bambergs Innestadt, dann bitte mit Sperrstunde!
Explore posts in the same categories: Lange TexteSchlagwörter: Alkohol, Bamberg, Bayerischer Rundfunk, Bürgerverin Mitte, Morph Club, Sandkerwa, Sperrfrist, Staatsministerium für Familien
You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.